Hardenberg Institut
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Bereiche Spiritueller Individualismus

Spiritueller Individualismus / Ethischer Individualismus

Anfragen an:
Viviana Alvarez, Hardenberg Institut,
Hauptstraße 59, D-69117 Heidelberg,
Tel. 06221-65 01 70, Fax: 2 16 40,
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Alle gesellschaftlichen Fortschritte hängen immer deutlicher von individuellen Initiativen ab. Darin kann eine zunehmende Freiheit des einzelnen erlebt werden, aber auch eine Herausforderung an die eigenen Entwicklungsfähigkeiten. Dieser "Individualisierung" des menschlichen Lebens entspricht eine "Globalisierung" der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Wie hängt beides zusammen und wie werden Orientierungen und Fähigkeiten erworben, um sich hier zurechtzufinden? (K.-M. Dietz).Themenschwerpunkte:

  •       Vom alten zum neuen Individualismus
  •       Neues Denken - Handeln aus Initiative
  •       Der Individualitätsbegriff Rudolf Steiners
  •       Individualität und Gemeinschaft
  •       Führung als Selbstführung (K.-M. Dietz, T. Kracht, R. Vandercruysse).


Ein Bereich des Spirituellen Individualismus ist der von Rudolf Steiner entwickelte Ethische Individualismus:

Ein neues Verhältnis zu den anderen Menschen
Bisher ist es üblich, das Zusammenleben zu regeln durch Normen, Prinzipien oder Vereinbarungen. Erst legt man fest, wie man miteinander umgehen will, dann verhält man sich so (oder auch nicht). Der ethische Individualismus stellt hingegen klar, dass Handeln nach Normen entbehrlich ist. - Solches gilt allerdings bis heute den meisten Zeitgenossen als unmöglich; der philosophisch Gebildete wendet sich mit Grausen: Handeln ohne Normen? Gemeinschaftsbildung ohne Regeln? Das kann es nicht geben. Alle Ethik ist letztlich normativ. Wozu bräuchte man sie denn sonst! Der ethische Individualismus weiß hingegen, dass das Individuum als solches sozial ist, sobald es sich selbst zum freien Geist entwickelt. Der freie Geist muss nicht erst sozialisiert werden, er ist es bereits. Denn der freie Geist bezieht den anderen Menschen ebenso ein wie die gemeinsame Situation. Da bedarf es keiner anderen Instanz, außer den freien Geistern selbst. Man braucht keine Orientierungen von außen, um gemeinschaftlich handeln zu können. Das Geheimnis, das hier zugrunde liegt, wird so formuliert: "Der Freie verlangt von seinen Mitmenschen keine Übereinstimmung, aber er erwartet sie, weil sie in der menschlichen Natur liegt" (Die Philosophie der Freiheit, S. 166).

Der freie Geist ist die eigentliche Natur des Menschen. Diese liegt nicht in seiner Vergangenheit (Abstammung oder Sozialisation), sondern in seiner Zukunft; zu ihr entwickelt er sich hin. Darin liegt das Geheimnis der Verträglichkeit. Das mag für manchen abenteuerlich klingen. Aber man kann leicht einsehen: im Grunde nützen auch alle Verabredungen, Prinzipien, Regeln und Vorschriften nichts, wenn nicht auf eine individuell veranlagte Gemeinschaftsfähigkeit gerechnet werden kann. "Läge nicht in der menschlichen Wesenheit der Urgrund zur Verträglichkeit, dann würde sie ihr durch keine äußeren Gesetze eingeimpft" (S. 166). Niemals könnte ein Gesetz wirksam werden, wenn den einzelnen Menschen die Einsicht fehlte, seinen "Geist" zu verstehen. Wenn das aber so ist: warum sollte nicht Gemeinschaft von vornherein auch ohne Regelungen von außen möglich sein? Der ethische Individualismus beschreibt jedenfalls die Voraussetzungen dafür und die inneren Wege, die man beschreiten kann. Dass er nicht die plötzliche Abschaffung aller geltenden Regeln fordert, ist selbstverständlich. Er stiftet eine Versuchsmethode. Wo immer es gelingt, als eine "Gemeinschaft freier Geister" zusammenzuarbeiten, werden Regeln von selbst entbehrlich.

Es können insgesamt vier verschiedene Aspekte des ethischen Individualismus unterschieden werden:

  •       ein autonomes Verhältnis zu den anderen Menschen
  •       ein autonomes Verhältnis zur Wirklichkeit
  •       ein autonomes Verhältnis zur Ideenwelt
  •       ein autonomes Verhältnis zu sich selbst


(Aus dem Zusammenhang des ersten Aspektes stammt der obige Text)
Der Ethische Individualismus als Sozialprinzip wirkt in dem, was wir Dialogische Kultur nennen.

Publikationen:

Karl-Martin Dietz, Individualismus als Sozialprinzip. Freies Geistesleben nach 90 Jahren
in: die Drei 4/2009, S. 29-35

Karl-Martin Dietz, Dialogische Kultur - Individualismus als Sozialprinzip
in: die Drei 12/2008

Karl-Martin Dietz, Spiritueller Individualismus. Sozialität und Freiheit im Zeitalter der Individualisierung
in: die Drei 11/2008 11/2008, S. 13-22

Karl-Martin Dietz, Dialogische Schulführung an Waldorfschulen. Spiritueller Individualismus als Sozialprinzip
Heidelberg: Menon 2006, 184 Seiten

Karl-Martin Dietz, Wie aktuell ist der ethische Individualismus? Seine fünf Perspektiven heute
in: Das Goetheanum 1-2/2003, S. 2

Karl-Martin Dietz, Der ethische Individualismus als Kulturfaktor?
in: Das Goetheanum 1-2/2003, S. 4

Karl-Martin Dietz, Die vierfache Freiheit. Ein Kernanliegen der Anthroposophie
in: die Drei 3/99, S. 80-87

Karl-Martin Dietz, Rudolf Steiners ethischer Individualismus
in: Michael Benedikt (Hrsg.), Verdrängter Humanismus, verzögerte Aufklärung, Bd. 4: Anspruch und Echo. Sezession und Aufbrüche in den Kronländern zum Fin-de-siecle. Philosophie in Österreich (1880-1920), Klausen-Leopolsdorf 1998, S. 203-224

Thomas Kracht, Erkennen des Ich. Über die Eingangsfrage der Philosophie der Freiheit
in: die Drei, Beiheft7: Vom Rätsel des Ich. Zu Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit, November 1994, S. 5-16

Rudy Vandercruysse, Spirituelle Psychologie und Psychoanalyse. Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit als Grundlegung der anthroposophischen Seelenwissenschaft
in: die Drei, Beiheft7: Vom Rätsel des Ich. Zu Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit, November 1994, S. 17-38

Karl-Martin Dietz, Der freie Geist - Individualität und Gemeinschaft in Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit
in: die Drei, Beiheft7: Vom Rätsel des Ich. Zu Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit, November 1994, S. 39-75

Karl-Martin Dietz (Hrsg.) Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit. Eine Menschenkunde des höheren Selbst. Mit Beiträgen von Martin Basfeld, Karl-Martin Dietz, Wolf-Ulrich Klünker, Thomas Kracht, Christoph Lindenberg, Dietrich Rapp, Günter Röschert, Frank Teichmann, Stuttgart 1994